VOLLMOND 1-2025
20 VOLLMOND 1/2025 SAGE aus dem Mondseeland D e r s i n g e n d e S e e N icht nur die Anmut der wogendenWie- sen auf der prächti- gen Ebene von Egg begeistert von der Veste War- tenfels, auch die Landschaft im östlichen Bereich prahlt mit fast unvergleichlicher Schönheit. Die Menschen im Dorf, das sich schutzsu- chend am Fuß der Festung an- schmiegte, waren gottesfürch- tig und fleißig. Der Burgherr aber war ein grausamer und gottloser Herr. Gnadenlos beutete er seine Untertanen aus und drückte den armen Bauern immer neue Steuern auf. Die Feiertage verbrachte der Ritter saufend und pras- send auf der Burg, ja sogar am Sonntag tönte das Spiel der Sänger und Instrumente weit über die Schlossmauern. In einer hellen Sternennacht er- schien dem Pfarrer des Ortes am Himmel eine zauberhaf- te, feenähnliche Gestalt und sagte: „Verlasst diesen un- seligen Ort! Der Zorn Gottes wird bald auf Dorf und Burg herniedergehen!“ Der himm- lischen Weisung gehorchend, zogen die Bewohner der blü- henden Ortschaft von dannen und errichteten in sicherer Entfernung ihre neuen Häuser. Die liederliche Gesellschaft setzte ihr gotteslästerndes Treiben jedoch fort. Plötz- lich zuckten mächtige Blitze auf das Schloss hernieder und bald darauf tanzten die Flam- men wie lodernde Bergspitzen auf dem Dache des Gebäudes. Tiefblaue Wasserfontänen pressten sich aus großen Erdspalten und überflute- ten das Gebiet mit reißen- den Wogen. Im gleißenden Feuerschein versank das brennende Schloss mit allen Gästen und Bewohnern. Wie in einen unergründlichen Schlund stürzten die Häuser des verlassenen Dorfes in die Tiefe und nach einem aller- letzten Donner legten sich Flut und Gischt. Am nächs- ten Morgen lag ein glänzen- der, majestätischer See dort, der wegen seiner mondför- migen Gestalt den Namen „Mondsee“ erhielt, genauso wie der neue Ort der wegge- zogenen Bewohner. Ursprung der Sage: Bedingt durch die Hinweise von Fischern und über die Sage vom versunkenen Dorf entdeckte Matthäus Much im Jahre 1872 die erste Pfahl- bausiedlung am Mondsee. Durch diesen Erfolg wurde der Beginn einer systemati- schen Pfahlbauforschung in Österreich eingeleitet. Sage aus dem Buch: Goldbrünnlein und Drachen- wand. Illustrationen Heilgard Maria Bertel, Herausgeber, Verleger Prof. MMag. DDr. Bernhard Balthasar Iglhauser, Verkauf: im Gemeindeamt Thalgau
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